13. März 2022 / Aus aller Welt

Acht Monate nach der Flut: Ohnmacht und Tränen im Ahrtal

Acht Monate nach der Flutkatastrophe an der Ahr mit 134 Toten liegt noch immer vieles im Argen. Die versprochene schnelle und unbürokratische Hilfe ist längst nicht überall angekommen.

Zahlreiche Freiflächen im Ortskern lassen erkennen, wo hier in den vergangenen Monaten von der Flut zerstörte Häuser abgerissen wurden (Luftaufnahme mit einer Drohne).

Bernd Gasper aus Altenburg an der Ahr weiß auch acht Monate nach der Flutkatastrophe noch immer nicht, wohin er eines Tages zurückkehren kann. Manuela Göken quält «schlimmes Heimweh» nach ihrem Leben vor der Sturzflut in Insul. Und Schausteller Tim Himmes steht in Schuld trotz unermüdlichen Schaffens vor einem Berg an Reparatur- und Instandsetzungsarbeiten.

Der Frühling ist im Ahrtal zwar schon zu spüren. Die Aufbruchstimmung ist bei vielen aber Frust und Ohnmacht gewichen. «Wir haben keine Kraft mehr», sagt Göken und wischt sich Tränen aus den Augen.

«Angela Merkel hat hier gestanden, mit mir gesprochen und gesagt, da wollen Sie doch nicht wieder aufbauen», erzählt Bernd Gasper und zeigt auf die Stelle nahe der Ahr, an der sein abgerissenes Elternhaus stand. Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) und die frühere Umweltministerin Anne Spiegel (Grüne) seien damals im September auch dabei gewesen. «Machen Sie sich keine Sorgen», habe es geheißen. «Wir werden Sie nicht vergessen» - und immer wieder sei von unbürokratischer und schneller Hilfe die Rede gewesen.

1020 Anträge liegen bei der Investitions- und Strukturbank

Doch der 69-Jährige, der alles in den Wassermassen verloren hat und mit seiner Frau in einem Ausweichquartier bei Bonn lebt, weiß nach wie vor nicht einmal ungefähr, wie viel Geld er aus dem für Rheinland-Pfalz mit etwa 15 Milliarden Euro ausgestatteten Hilfsfonds von Bund und Ländern bekommen wird. Die zuständige Investitions- und Strukturbank (ISB) hat nach eigenen Angaben im Rahmen der Wiederaufbauhilfe für zerstörte und beschädigte Häuser an der Ahr bislang knapp 460 Anträge bewilligt. Rund 1020 vollständig ausgefüllte Anträge wegen Gebäudeschäden nach der Flutkatastrophe lägen der ISB derzeit noch vor.

Gasper hat von der ISB seit dem 6. November auf Nachfrage nur gehört, dass sein Antrag in Bearbeitung sei, erzählt er. «Wenn ich eine ungefähre Summe wüsste, könnte ich zusammen mit meinem Ersparten ein Haus kaufen», sagt Gasper. Die Warterei zermürbt den 69-Jährigen, er fühlt sich «zum Nichtstun verdammt». «Ich weiß nicht, was ich noch machen soll, weil es kein Weiterkommen gibt», sagt er unter Tränen.

Dazu kommen die Sorgen um seine Frau: «Sie wird mit dem Tod ihrer Mutter einfach nicht fertig und fragt sich immer wieder, wie diese wohl gestorben ist.» Die 90-Jährige kam in der Flutnacht in ihrem Haus ums Leben - nur einige hundert Meter von den Gaspers entfernt. Auch das Haus musste abgerissen werden. Jetzt sei gerade der Bescheid der ISB gekommen, dass 80 Prozent erstattet würden, wenn ein Gutachten über den Wert des Hauses vor der Flutkatastrophe vorgelegt werde. «Woher sollen wir das jetzt nehmen?»

Beschädigte Häuser: Abreißen oder nicht?

Die Häuser von Gaspers Söhnen Oliver und Achim - auch in Altenburg - sind bei der Sturzflut ebenfalls schwer beschädigt worden. Während Oliver - der nicht versichert war - wieder aufbaut, weiß auch Achim nicht, wie es weiter gehen kann. Mit seiner Versicherung, mit der er jeden Schritt absprechen muss, ist er in einem zermürbenden Rechtsstreit gefangen.

Ein von seinem Fachanwalt bestellter Sachverständiger habe den Wert des beschädigten Hauses etwa doppelt so hoch veranschlagt wie der Gutachter der Versicherung. Der eine hält Abreißen wegen des ausgelaufenen Öls und anderer Schadstoffe für notwendig, der andere nicht.

Die Gaspers interessieren sich auch für eines der knapp 40 Grundstücke in einem Neubaugebiet der höher gelegenen Ortsgemeinde Kalenborn. Doch auch da gibt es noch keine klare Perspektive. Haben Flutopfer bei der Vergabe Vorrang? Oder wohlhabendere Interessenten - etwa aus dem Köln-Bonner-Raum? Oder wird gelost?

Viele Freiwillige helfen noch immer vor Ort

Der Zustand des verwüsteten Ahrtals macht dem in der Region seit Generationen verwurzelten und ehrenamtlich aktiven Bernd Gasper auch zu schaffen. «So, wie es jetzt aussieht, ist es schon seit langem», sagt er traurig.

Der Wiederaufbau zieht sich auch nach Einschätzung von Göken und Himmes quälend lange hin. «Man kann noch immer nirgendwo Kinder rauslassen», sagt Göken. Das sei zwischen «all dem Dreck, Staub und Müll» nach wie vor zu gefährlich und kein Spielplatz in Sicht.

«Die Leute sind allein gelassen, helfen sich selbst und sich gegenseitig», beschreibt sie das Leben. Die freiwilligen Helfer - darunter viele Profis - leisteten noch immer Enormes. In Gökens neuem Quartier 400 Meter über der Ahr verlegten sie nach einem Wasserrohrbruch kostenlos neue Rohre; zwei aus Hamburg angereiste Installateure reparierten die kaputte Heizung.

Trotzdem: «Zwei bis drei Jahren brauchen wir noch, bis wir so richtig in dem neuen Haus angekommen sind», sagt Göken. Und immer wenn sie ins Tal nach Insul komme, überwältige sie das «Mitgefühl für das, was hier nicht passiert».

Göken: Kein Rabatt bei Baumaterial mehr

Von der ISB hat auch Göken seit November nichts mehr gehört. Sie habe zunächst angegeben, dass nur 80 Prozent ihres Hausrats bei der Flut beschädigt worden seien. Als dann aber kurz darauf mehrere Möbel zu schimmeln begannen und ersetzt werden mussten, habe sie Widerspruch eingelegt und 100 Prozent angegeben. Es gehe bei der Differenz um rund 5000 Euro.

Unverständlich findet Göken, dass viele, die jetzt erst langsam wieder in ihre endlich getrockneten Häuser zurück könnten, keinen Rabatt mehr bei Baumaterialien bekämen. Auch Angebote von jetzt notwendigen Geräten wie etwa Waschmaschinen und Trocknern gebe es nicht mehr.

Tim Himmes bessert gerade die Figur eines Hundes von seinem Kinderkarussell aus. Die Kirmes-Saison steht vor der Tür. Aber es ist noch einiges zu tun: Die Flut hat das Karussell beschädigt. Ersatz für die vom Wasser fortgerissenen Ball- und Losbuden gibt es nicht. Dazu kommen die steigenden Spritpreise: Der 21-Jährige macht sich Sorgen, ob sich der Kirmes-Betrieb für die Familie überhaupt noch lohnt.


Bildnachweis: © Boris Roessler/dpa
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